Mein inneres Ich fragte mich eines Tages:
- Wo kommst du eigentlich her?
Zunächst zeigte ich keinerlei Reaktion, doch die Frage begann langsam in mir zu
arbeiten. Meine Augen verengten sich, und eine unsichere Miene schlich sich auf mein Gesicht. Schließlich fragte ich:
+ Ist das jetzt eine ernste Frage?
Er antwortete:
- Ich fürchte ja.
Ich wurde unruhig. „Warum fragt er mich sowas?“ ging es mir durch den Kopf. Weiß er denn nicht, wo ich herkomme? War er nicht all die Jahre bei mir? Hat er etwa vergessen, wo ich geboren wurde? Oder die Gasse, in der wir als Kinder gespielt haben?
+ die Stadt, in der ich geboren bin, heißt Isfahan.
- Ja, aber ich habe gefragt, wo du ursprünglich herkommst.
Seine Beharrlichkeit irritierte mich. Ist „Herkunft“ nicht gleichbedeutend mit dem Ort meiner Geburt?
Ich fragte:
+ Ist das nicht die gleiche Frage?
- Wie würdest du diese Frage beantworten?
+ Jetzt soll ich meine eigene Frage selbst beantworten?
- Macht es einen Unterschied, wer antwortet?
+ Eigentlich nicht.
Manchmal stellt mein inneres Ich seltsamen Fragen. Und oft will er über Themen diskutieren, für die ich weder Zeit noch Geduld habe. Ist es wirklich wichtig, wo ich herkomme und was meine Heimat ist? Warum sollte ich meine Gedanken mit solchen Dingen verschwenden?
+ Es ist mir egal, wo ich herkomme. Hauptsache, ich weiß, wo ich hingehe.
- Aber der Weg, den du früher gegangen bist, ist doch der, von dem du jetzt kommst, oder?
+ Ich habe viel zu tun. Kannst du bitte aufhören?
Ich musste noch lernen, lesen und arbeiten. Grübeln hilft da nicht weiter. Ich sagte:
+ Hör zu, ich weiß, dass du unter ADHS leidest und dich nicht so einfach beruhigen kannst, aber es ist gerade einfach nicht der richtige Zeitpunkt für solche Fragen. Können wir das später klären?
Doch er hörte nicht auf. Er ignorierte meine Bitte und sprach weiter:
- Der Weg, der hinter dir liegt, war einmal der Weg vor dir.
+ Das ist mir klar.
- Du darfst den Weg hinter dir nicht vergessen.
+ Das habe ich nicht vor.
Er erinnerte mich an frühere Zeiten. Er sagte weiter:
- Irgendwann hast du auf das Visum gewartet. Du wolltest nach Deutschland.
+ Wenn ich nicht nach Deutschland gekommen wäre, bräuchtest du mich jetzt nicht fragen, wo meine Herkunft liegt.
- Es geht aber nicht nur darum.
Er ließ nicht locker. Ich fragte:
+ Meinst du, Iran ist meine Herkunft und Deutschland meine ausgewählte Heimat?
- Würdest du das so unterschreiben?
+ Nicht wirklich.
Deutschland wird nie meine Heimat sein. Ich fühle mich hier wohl, aber Heimat?
+ Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, wie lange ich noch hierbleiben darf.
- Stell dir vor, du könntest immer selbst entscheiden, wo du leben möchtest. Wäre dann Deutschland deine Heimat?
+ Vielleicht …
Mein inneres Ich sah mich an. Ruhig, ohne Ausdruck. Wie ein Vater, der erwartet, dass sein Kind die Antwort selbst findet.
+ Ich glaube, ich bin selbst meine Heimat. Heimat ist, wo ich bin.
- Und deine Herkunft? Iran?
+ Ich bin im Iran geboren. Meine Wiege stand in Isfahan. Und ehrlich gesagt, möchte ich in Isfahan begraben werden. Vielleicht in der Nähe von meiner Mutter.
Dieses letzte Wort brannte sich in meine Gedanken: „Mutter“. Zehn Jahre ist es her. In jedem Bild sehe ich sie, in jedem Text schreibe ich von ihr. Die erste weiblich gelesene Person meines Lebens. Die erste Person, der ich begegnet bin.
+ Warte mal. Ich komme nicht aus dem Iran.
- Woher dann?
+ Ich komme aus einer Frau. Ich war mal in meiner Mutter. Da sah wie Paradies aus. Als Kind dachte ich immer, dass wir eines Tages ins Paradies gehen. Aber lag ich falsch. Wir kommen aus Paradies. Und weißt du was? Egal, wie oft wir noch geboren werden, werden wir immer aus einer Frau kommen.
-Und wie lange warst du im Paradis ?
+ Ich war neun Monaten im Paradis.